Digitale Herausforderungen – analoge Desiderate: Vom Knechtungsakt bildwissenschaftlicher Sprachlogistik im Museum

Impulsvortrag von Ralph Knickmeier für den 1. Workshop der DHd-AG Museum, Frankfurt am Main 14.11.2014

Es könnte sein, dass die Anforderungen durch die Digital Humanities besonders die Bildwissenschaften vor eine Zerreißprobe stellen.[1] Das liegt keineswegs an den technischen Herausforderungen oder der Komplexität von (neuen) Bilddeutungsaufgaben – über den besten Erkenntnisweg wird auch in anderen Geisteswissenschaften heftig gestritten –, sondern an den historisch gewachsenen Strukturen des Faches Kunstgeschichte, das sich stets als »Mutter der Bildwissenschaften« verstanden hat und diesen Status durch die unübersichtliche Vielfalt »des Digitalen« zu verlieren glaubt. Das schafft Ängste und führt bisweilen zu verschanzten Positionen diesseits und jenseits von allerlei »Gräben«[2], deren gegenwärtig etwas penetrantes Aufzeigen ebenso wie das Absetzen der sog. »Fortschrittlichen« von den »Traditionalisten« ganz sicher der falsche Weg ist. Die Digital Humanities werden erst auf breiter Front Fahrt aufnehmen, wenn sich auch die Kunstgeschichte dort einbringt wo sie steht!

Ein intensivierter Brückenschlag ist zudem zwischen den Museen und Hochschulen erforderlich. Es muss Schluss sein mit der universitären Vorwurfshaltung, die Museen und Sammlungen würden bewusst auf den Bildern sitzen, um sich einen vermeintlichen Wettbewerbsvorteil zu verschaffen. Man könnte vielleicht ja auch umgekehrt einmal darüber nachdenken, ob nicht die Studierenden stärker in der praktischen Rechteverwaltung vor Ort und dem Wording für das Retrieval geschult werden sollten.

Ein Großteil der digitalen Probleme, die im wissenschaftlichen Alltag aufbrechen, ist also eher analoger Natur, wie dieser Beitrag am Beispiel bildwissenschaftlicher Sprachlogistik andeuten mag. Das reicht von den internen (kaum nur musealen) weitgehend tradierten Betriebsstrukturen, über Desiderate in der fachlichen Ausbildung, bis hin zu grundsätzlichen Befindlichkeiten der Protagonisten in der Kunstgeschichte und den benachbarten bildwissenschaftlichen Disziplinen. Das Digitale hält uns immerhin Schwächen vor Augen, die nun nicht länger ignoriert oder ausgelagert werden können.

So ist es beispielsweise kein Zufall, dass das »zentrale nationale Portal für die digitalen Angebote aller deutschen Kultur- und Wissenschaftseinrichtungen« in der BRD den Namen Deutsche Digitale Bibliothek trägt.[3] Auf eindrückliche Weise spiegelt sich hier eine scheinbar primär bibliothekarische Kompetenz, die der Kultur- und Bildwissenschaft selbst offensichtlich nur bedingt zugetraut wird: Die Fähigkeit zu strukturiertem großräumigen Networking – was immer das konkret auch bedeutet. Wie kann das sein?

Es sei gleich an dieser Stelle unumwunden zugegeben, dass diese Skepsis angebracht erscheint, denn es ist keineswegs Bestandteil des kunsthistorischen Studiums, anders als eben in den Bibliotheks-, und im Übrigen auch den gesamten Archiv- und Ordnungswissenschaften, zumindest rudimentäre Kenntnisse des Wissensmanagements nachzuweisen. Was dieses Fach so interessant und beliebt macht, ist vor allem die Berufung Fragen und Ideen zu entwickeln. Nicht geprüft wird am Ende der Ausbildung etwa, ob man in der Lage ist ein Stichwort von einem Schlagwort zu unterscheiden, was ein Thesaurus ist oder auch mit welchen Mitteln und Werkzeugen man eine wissenschaftliche Bildersammlung anlegt. Dabei werden einige unserer namhaftesten Fachwissenschaftler heute nicht zuletzt gerade deshalb zu Recht besonders verehrt. Verwiesen sei in diesem Zusammenhang nur auf die Systematik der Warburg-Bibliothek oder auf den Index zur Politischen Ikonographie von Martin Warnke in Hamburg.

Nach wie vor ist es eher eine Frage der Persönlichkeit sich für diese Belange zu interessieren und vor allem sich auch nachhaltig dafür zu einzusetzen! Am Ende ihrer Ausbildung werden Kunsthistorikerinnen und Kunsthistoriker in eine Wirklichkeit entlassen, die sie in der Alltagspraxis von Museen, Denkmalschutzämtern, Bildarchiven und Instituten vor Herausforderungen stellt, denen sie einst im Studium zwar als Nachschlagende, nicht aber als für vorausweisendes Retrieval über Metadaten verantwortliche »Bildbeworter« begegnet sind.[4]

Und – sein wir ehrlich – wer will das auch tun? Eine arbeitsintensive Serviceleistung für die Zukunft pflegen? Es ist nicht sexy Daten einzugeben, wohl aber welche abzufragen! Personalstrukturen und Zeitmangel sind im Übrigen nicht selten auch vorgeschobene Argumente von Standesdünkel. Alle wollen professionelle Daten, aber niemand will eigene Handarbeit, denn schon das Wort »Digitalisierung« verheißt per se Automatismen – in diesem Kontext völlig zu Unrecht! Und so ist es auch kein Wunder, dass traditionelle kunsthistorische Denk-Räume, teilweise ins »social tagging« ausgelagert werden sollen. Um hier nicht falsch verstanden zu werden, die Sicht des Laien mag eine interessante Ergänzung sein, kann aber ein geschultes bildwissenschaftliches Auge nicht ersetzen. Auch das Warten auf vermeintlich fehlende (oder in Arbeit befindliche[5]) Standards ist ein gern gebrauchtes Argument die Dinge die jetzt anstehen zu verschieben. Ergo (überspitzt formuliert): Wir stehen derzeit vor der Generierung von neuen massenkompatiblen bildwissenschaftlichen Daten, die in Wahrheit kaum einer erfassen kann oder will. Das kann auf die Dauer nicht funktionieren! Was also tun?

Wenn die Bildwissenschaft – aus welchen Gründen auch immer – nicht selbst Hand anlegt (über Ausbildung, Nachschulung, persönliches Engagement, Bewusstseinswandel etc.), müssen wir uns offen einer umfassenden praxisorientierten Neuorganisation von sprachlogistischem Retrieval stellen. Möglicherweise entstehen dabei neue Berufsfelder, wie etwa das des »Bild-Verschlagworters«. Vielleicht könnte eines Tages sogar ein zentrales Institut für Bildwissenschaftliche Sprachlogistik diese Aufgaben koordinieren, ein Kulturhistorisches Zentrum für Linked Open Data (LOD), analog der nationalbibliographischen Foren, bei denen das längst schon zum Standard gehört.

Anmerkungen

  1. Der nachfolgende Beitrag entstand als Impulsvortrag des Verfassers für den Workshop Museum & Digital Humanities. AG Museum des Digital Humanities im deutschsprachigen Raum e.V., Fachkonferenz Das Museum von Babel. Wissen und Wissensvermittlung in der digitalen Gesellschaft, Panel 1: Sammlungen & Museumsforschung, Frankfurt am Main 12.–14.11.2014.
  2. Jüngst etwa Landes, Lilian: (Digital) Humanities Revisited – Challenges and Opportunities in the Digital Age. Oder: Wie man Gräben isst. Rez. Konferenz 05.12.–07.12.2013, Hannover Herrenhausen, Volkswagenstiftung, http://blog.arthistoricum.net/beitrag/2013/12/16/digital-humanities-revisited-challenges-and-opportunities-in-the-digital-age-oder-wie-man-gr/ [letzter Zugriff: 12.11.2014].
  3. Hervorhebung vom Verfasser; https://www.deutsche-digitale-bibliothek.de/ [letzter Zugriff: 12.11.2014].
  4. Knickmeier, Ralph: Bildbe(schlag)wortung. Retrieval im Digitalen Belvedere. In: AKMB-News. Informationen zu Kunst, Museum und Bibliothek, hrsg. v. d. Arbeitsgemeinschaft der Kunst- und Museumsbibliotheken, Jg. 19, 2013, Nr. 1, S. 3–7, http://dx.doi.org/10.11588/akmb.2013.1.10983 [letzter Zugriff: 12.11.2014].
  5. Wie gegenwärtig der Aufbau der deutschen Fassung des Art and Architecture Thesaurus (AAT), hrsg. v. Getty Research Institute, Institut für Museumsforschung, Staatliche Museen zu Berlin, http://www.aat-deutsch.de/ [letzter Zugriff: 12.11.2014].